|
Was sehen wir, wenn wir die Bilder von
Joachim Zintel ansehen? Was können wir
sehen? Sehen wir die Fassade einer
Metropole? Die verschieden leuchtenden
Fenster einer Front aus Hochhäusern? Oder
blicken wir auf einen Plan für
Landschaftsarchitektur?
Diese Bilder kann man sehen, aber
sie sind nicht zwingend. Verbergen sich
ätherische Ikonen in diesen künstlichen
Welten? Zeigt sich in der Fensterfront
vielleicht ein Engel? Zeichen, Zahlen und
Buchstaben mischen sich in einem
quadratischen Rahmen - aber was bilden sie?
Weder falsch noch richtig, deutet diese
nicht zum Abschluss zu bringende Suche nach
gegenständlichen Abbildern dem Betrachter
doch etwas Zentrales an. Joachim Zintels
Werk strahlt eine provozierende und
reizvolle Artifizialität aus. Es drückt
Konstruktion aus, Abstraktion,
Künstlichkeit, Kunst. Die im Quadrat
gefangene Natur, die über die Quadrate
hinausgreifende Ikone, das Verändern der
Farben und des Lichtes, das zugleich einer
Idee zu folgen scheint und sich doch der
genauen Kontrolle entzieht.
Das
Werkzeug des Künstlers ist der Stempel.
Stempel drucken. Sie produzieren Zeichen und
Sigel. Letztlich ist auch die zentrale
Technologie der abendländischen Kultur - der
Buchdruck - eine Stempeltechnik. Ohne den
Buchdruck hätte das moderne Europa nicht
sein Wissen entfalten und die Natur
beherrschen können. Der Stempel ist eine
Inkarnation dieses neuen Verhältnisses von
Mensch und Natur. Der Mensch drückt der
Natur seinen Stempel auf. Er macht sie, er
macht sich, er macht die gesellschaftlichen
Verhältnisse, in denen er lebt.
Das ist
die eine Seite. Die konstruierende Seite,
die künstliche Seite, die Seite der Macht.
Das Sigel presst sich in das Wachs und gibt
ihm Form. Der Stempel verteilt die Farbe und
gibt ihr Sinn. Eine unstrukturierte oder
eigensinnige Welt wird durch den Stempel
geformt.
Aber
ist diese Form alles? Zeigt sich nicht im
Verhältnis von Werkzeug und Material eine
nicht reduzierbare Materialität an, die sich
der Macht, dem Willen zur Konstruktion
entzieht? Noch wenn der präziseste
Computerdruck lange genug vergrößert wird,
fransen die Begrenzungen aus und tauchen
Punkte auf, die niemand eingeplant hat. So
verhält es sich auch mit dem Stempeln. Das
Produkt, das durch Stempeln erzeugt wird,
ist nicht vollkommen. Es lassen sich immer
Differenzen, Irritationen und Friktionen
finden, die sich der Materialität sowohl des
Werkzeugs als auch seines Objekts verdanken.
Am Ende eines Konstruktionsprozesses bleibt
nicht lediglich eine verdinglichte Idee
zurück, sondern ein Hybrid, eine Vermischung
aus Material und Vorstellung.
Die Bilder von Joachim Zintel
nutzen diese Exzentrizität menschlichen
Umgangs mit umgebener Natur und eigenem
Körper aus und bringen sie absichtlich
hervor. Seine Kunst kultiviert die
Kontingenz. Denn Kontingenz meint zweierlei
in einem Wort. Kontingent ist, was auch
anders möglich ist. Nur eine Welt, eine
Gesellschaft, eine Geschichte die uns
kontingent erscheint, eröffnet uns die
Möglichkeit, sie durch Gedanken und Tat zu
verändern. Nur in einer kontingenten Welt,
können Menschen sich als handelnde Wesen
begreifen. Nur als handelnde Wesen können
sie manipulierend in das Geschehen
eingreifen. Nur dann verhalten sie sich
nicht lediglich. Kontingent ist aber auch,
was einfach so geschieht, was zufällig ist.
Der Stempel presst die Farbe aufs Papier,
chaotisch bilden sich ihre Ränder, türmen
sie sich auf, verfließen sie... Der Zufall
ist trotz aller Wahrscheinlichkeitsrechnung
unverfügbar. Man merkt das erst wirklich,
wenn er einen ereilt.
Diese
Kontingenz drücken die Monotypien aus. Sie
verkörpern das Verhältnis von Macht und
Material, von Handlung und Zufall. Wenn der
Künstler den Stempel setzt, dann nach einer
Idee, die lange reifen musste. Aber wie der
Stempel schließlich druckt, weiß er nicht:
"Der Stempel gestaltet". Oder der Körper. So
zeigt das Bild "Angleichung" einen
spiegelbildlichen Druck. Gleichzeitig wird
mit der linken und rechten Hand gedruckt.
Man vermutet zuerst eine Spiegelung, aber
dann erkennt man, wie unterschiedlich sich
rechte und linke Hand beim Führen der
Stempel verhalten haben.
Joachim
Zintels Bilder geben uns eine Vorstellung
davon, wie eine versöhnte und positive
Haltung zur Artifizialität und Abstraktion
aussehen könnte. So zumindest, dass sie
nicht zugunsten einer angeblich reinen Natur
negiert wird. So zumindest, dass sie sich
nicht in den Wahn der totalen Machbarkeit
der Welt mündet.
© by Dierk Spreen
Version vom
18.03.02
Joachim Zintel,
*1939, lebt und arbeitet in Berlin.
|
|