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Quadrat und Natur
Bemerkungen zur Kunst von Joachim Zintel
von Dierk Spreen
(Nachwort zum Katalog "Joachim
Zintel: Ausstellung Votum - Konzept und Design Berlin 2003",
S. 52)
Was sehen wir, wenn wir die Bilder von Joachim Zintel ansehen? Was können wir sehen? Sehen wir die Fassade einer Metropole? Die verschieden leuchtenden Fenster einer Front aus Hochhäusern? Oder blicken wir auf einen Plan für Landschaftsarchitektur?
Diese Bilder kann man sehen, aber sie sind nicht zwingend. Verbergen sich ätherische Ikonen in diesen künstlichen Welten? Zeigt sich in der Fensterfront vielleicht ein Engel? Zeichen, Zahlen und Buchstaben mischen sich in einem quadratischen Rahmen - aber was bilden sie? Weder falsch noch richtig, deutet diese nicht zum Abschluss zu bringende Suche nach gegenständlichen Abbildern dem Betrachter doch etwas Zentrales an. Joachim Zintels Werk strahlt eine provozierende und reizvolle Artifizialität aus. Es drückt Konstruktion aus, Abstraktion, Künstlichkeit, Kunst. Die im Quadrat gefangene Natur, die über die Quadrate hinausgreifende Ikone, das Verändern der Farben und des Lichtes, das zugleich einer Idee zu folgen scheint und sich doch der genauen Kontrolle entzieht.
Das Werkzeug des Künstlers ist der Stempel. Stempel drucken. Sie produzieren Zeichen und Sigel. Letztlich ist auch die zentrale Technologie der abendländischen Kultur - der Buchdruck - eine Stempeltechnik. Ohne den Buchdruck hätte das moderne Europa nicht sein Wissen entfalten und die Natur beherrschen können. Der Stempel ist eine Inkarnation dieses neuen Verhältnisses von Mensch und Natur. Der Mensch drückt der Natur seinen Stempel auf. Er macht sie, er macht sich, er macht die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen er lebt.
Das ist die eine Seite. Die konstruierende Seite, die künstliche Seite, die Seite der Macht. Das Sigel presst sich in
das Wachs und gibt ihm Form. Der Stempel verteilt die Farbe und gibt ihr Sinn. Eine unstrukturierte oder eigensinnige Welt wird durch den Stempel geformt.
Aber ist diese Form alles? Zeigt sich nicht im Verhältnis von Werkzeug und Material eine nicht reduzierbare Materialität an, die sich der Macht, dem Willen zur Konstruktion entzieht? Noch wenn der präziseste Computerdruck lange genug vergrößert wird, fransen die Begrenzungen aus und tauchen Punkte auf, die niemand eingeplant hat. So verhält es sich auch mit dem Stempeln. Das Produkt, das durch Stempeln erzeugt wird, ist nicht vollkommen. Es lassen sich immer Differenzen, Irritationen und Friktionen finden, die sich der Materialität sowohl des Werkzeugs als auch seines Objekts verdanken. Am Ende eines Konstruktionsprozesses bleibt nicht lediglich eine verdinglichte Idee zurück, sondern ein Hybrid, eine Vermischung aus Material und Vorstellung.
Die Bilder von Joachim Zintel nutzen diese Exzentrizität menschlichen Umgangs mit umgebener Natur und eigenem Körper aus und bringen sie absichtlich hervor. Seine Kunst kultiviert die Kontingenz. Denn Kontingenz meint zweierlei in einem Wort. Kontingent ist, was auch anders möglich ist. Nur eine Welt, eine Gesellschaft, eine Geschichte die uns kontingent erscheint, eröffnet uns die Möglichkeit, sie durch Gedanken und Tat zu verändern. Nur in einer kontingenten Welt, können Menschen sich als handelnde Wesen begreifen. Nur als handelnde Wesen können sie manipulierend in das Geschehen eingreifen. Nur dann verhalten sie sich nicht lediglich. Kontingent ist aber auch, was einfach so geschieht, was zufällig ist. Der Stempel presst die Farbe aufs Papier, chaotisch bilden sich ihre Ränder, türmen sie sich auf, verfließen sie... Der Zufall ist trotz aller Wahrscheinlichkeitsrechnung unverfügbar. Man merkt das erst wirklich, wenn er einen ereilt.
Diese Kontingenz drücken die Monotypien aus. Sie verkörpern das Verhältnis von Macht und Material, von Handlung und Zufall. Wenn der Künstler den Stempel setzt, dann nach einer Idee, die lange reifen musste. Aber wie der Stempel schließlich druckt, weiß er nicht: "Der Stempel gestaltet". Oder der Körper. So zeigt das Bild "Angleichung" einen spiegelbildlichen Druck. Gleichzeitig wird mit der linken und rechten Hand gedruckt. Man vermutet zuerst eine Spiegelung, aber dann erkennt man, wie unterschiedlich sich rechte und linke Hand beim Führen der Stempel verhalten haben.
Joachim Zintels Bilder geben uns eine Vorstellung davon, wie eine versöhnte und positive Haltung zur Artifizialität und Abstraktion aussehen könnte. So zumindest, dass sie nicht zugunsten einer angeblich reinen Natur negiert wird. So zumindest, dass sie sich nicht in den Wahn der totalen Machbarkeit der Welt mündet.
Joachim Zintel, *1939, lebt und arbeitet in Berlin.
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