Für eine Soziologie jenseits von Selbstverständlichkeiten

Meine Leidenschaft ist die Wissenschaft von der Gesellschaft. Dabei interessiere ich mich besonders für Phänomene und Probleme, die die alltäglichen Selbstverständlichkeiten überschreiten. Denn solche Phänomene oder Probleme können wichtige Rand- und Rahmenbedingungen sein, die unseren Alltag mitbestimmen, ohne dass wir es normalerweise bemerken.

Das beste Beispiel hierfür ist das Problem der Gewalt. Denn jeder Mensch ist qua seiner lebendigen Körperlichkeit verletzungsfähig und verletzungsoffen. Diese anthropologische Grundtatsache verlieren wir gerne aus den Augen, da wir in einer Gesellschaft leben, die sich zahlreiche Mittel der Gewaltkontrolle ausgedacht und diese institutionalisiert hat. Aber im Kern muss jede Gesellschaft eine Antwort auf die Gewaltproblematik finden, wobei es nicht ausgeschlossen ist, dass diese Antwort Gewalt in einem umfassenden Sinne bejaht oder zumindest wenig hindert (Ordnungsformen der Gewalt). In den westlichen Zivilgesellschaften ist das allerdings nicht der Fall, was aber nicht heißt, dass nicht auch sie mit diesem Problem ständig befasst sind. Faktische Gewalterfahrungen mögen in unserem Alltag eine Randerscheinung sein, aber das sind sie nur, weil Institutionen der Gewaltbewältigung sie aktiv einhegen.

Aber für fiktive mediale Gewalt gilt das gerade nicht, weshalb auch sie ein interessantes gewalt- und mediensoziologisches Phänomen darstellt. Kulturkonservative Annahmen wittern hier Nachahmungs- und Lerneffekte, aber diese bleiben entgegen allen Behauptungen aus. Dies lässt sich erklären, wenn man die normativen Gehalte und kommunikativen Kompetenzen, die mit der »Rezipientenrolle« verbunden sind, soziologisch rekonstruiert. Dass fiktive Gewalt den Unterhaltungswert steigert, ist somit weder eine Selbstverständlichkeit noch bloßes Resultat einer aus den gesellschaftlichen Bezügen gelösten Mensch-Medien-Interaktion. Nötig ist eine Mediensoziologie, die mediale Unterhaltung als aktives und normativ gerahmtes ästhetisches Handeln versteht.

Auch der menschliche Körper ist keine Selbstverständlichkeit; nicht einfach nur »mitgegebene« Natur. Immer schon war er in kulturelle Formen und Vorstellungen eingestellt. Heute unterliegt er den Imperativen einer Upgradekultur. Auch dies ist eine Problematik, die mich interessiert. Zwischen Verdatung mittels Gesundheits- und Fitness-Apps (»quantified self«) und Techno-Körper (»Cyborg«) öffnet sich ein Feld, in dem Optimierungsimperative unsere Vorstellungen von Körperlichkeit und einem guten Leben beeinflussen.

Ein anderes Thema jenseits von Selbstverständlichkeiten, das mich beschäftigt, ist die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Raumfahrt und der »dritten Raumrevolution«. Wenn man über dieses Thema schreibt, muss man sich erst einmal mit sozialtheoretischen Stellungnahmen auseinandersetzen, denen »die Weltraumfahrt nicht recht geheuer« erscheint, wie es Ulf von Rauchhaupt in der F.A.Z. gefasst hat. Vielleicht liegt das daran, dass es um eine Fragestellung geht, die ebenfalls dem Alltag entrückt erscheint? Aber der erste Eindruck täuscht, denn würden die zur Erde gerichteten Antennen der im Orbit befindlichen Technosphäre ausfallen, würde auf der Erde schnell ein Ausnahmezustand den Alltag ablösen.

Soziologie betreiben heißt, den sozialen und alltäglichen Selbstverständlichkeiten ihre Selbstverständlichkeit nehmen. Verhaltensweisen oder Sozialformen, die »natürlich« erscheinen, sind in aller Regel gemacht und Ergebnis eines komplexen gesellschaftlichen und geschichtlichen Prozesses. Aufgabe von Soziologinnen und Soziologen ist es daher, zu problematisieren, zu erklären und in Frage zu stellen. Soziologie hält uns einen Spiegel vor und ermöglicht es, dass wir unser Denken und Handeln mit anderen Augen sehen können. Solches Problematisieren hat unmittelbar kommunikationsfördernde und daher Verständigung, Frieden und die Anerkennung des Anderen unterstützende Wirkungen. Gute Gründe, Soziologe zu sein, meine ich.


Heute die Welt....

Zuletzt erschienen:

Heute die Welt — morgen das ganze Universum. Rechtsextremismus in der deutschen Gegenwarts-Science-Fiction, hrsg. zus. mit Hermann Ritter, Johannes Rüster, Michael Haitel. Murnau 2016: p.machinery.

Bombe, hrsg. zus. mit Andreas Galling-Stiehler, Dieter Hoffmann-Axthelm, Leo Hoffmann-Axthelm. Berlin 2016: Ästhetik & Kommunikation.

Upgradekultur. Der Körper in der Enhancement-Gesellschaft. Bielefeld 2015, transcript.

Soziologie der Weltraumfahrt, zus. mit Joachim Fischer. Bielefeld 2014, transcript.

Kittler, hrsg. zus. mit Herbert M. Hurka. Berlin 2013: Ästhetik & Kommunikation, Nr. 158/159.

Krieg und Zivilgesellschaft, hrsg. zus. mit Trutz von Trotha. Berlin 2012, Duncker & Humblot.

Medien — Körper — Geschlecht. Diskursivierungen von Materialität, hrsg. zus. mit Birgit Riegraf und Sabine Mehlmann. Bielefeld 2012, transcript.

Kriegsvergessenheit in der Mediengesellschaft, hrsg. zus. mit Andreas Galling-Stiehler. Berlin 2011, Ästhetik & Kommunikation, Nr 152/153.